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Wie steht es um den Religionsunterricht an BBS?
 

Religionsunterricht an Berufsbildenden Schulen – ein Lagebericht mit Blick in EKD-weite Diskussionen

1. BRU und Konfessionslosigkeit

Der BRU steht nicht nur in Niedersachsen, sondern EKD-weit vor einer dreifachen Herausforderung:
  • „Wie gelingt konfessionelle Kooperation?“
  • „Wie können andersreligiöse SchülerInnen in den Unterricht eingebunden werden?“ und
  • „Wie kann man angemessen auf die steigende Anzahl konfessionsloser und nichtreligiöser SchülerInnen eingehen?“

Dabei ist vor allem die letztere Frage bisher vom wissenschaftlichen Interesse vernachlässigt worden. Die Dokumentation des gemeinsamen Forschungsprojektes von bibor und der TU Dresden durch Roland Biewald und Andreas Obermann: „Christliche, muslimische und konfessionslose Auszubildende im evan- gelischen Berufsschulreligionsunterricht in Sachsen und NRW - eine Gratwanderung zwischen Beliebigkeit und konfessioneller Engführung?“ zeigt die Entwicklungen in Sachsen und NRW, von denen schätzungsweise auch unsere Klientel nicht weit entfernt ist.
Insgesamt wird in den Befragungen deutlich, dass viele Lehrkräfte von sich selbst sagen, dass sie sich zu wenig bewusst machen, wie heterogen ihre einzelnen Lerngruppen tatsächlich sind. Die Muslime werden überwiegend wahrgenommen, die Konfessionslosen nicht. Als Voraussetzung guten Unterrichts ist jedoch eine (relative) Klarheit über die Eingangsvoraussetzungen wichtig (wozu z.B. auch die Sozialisation und Vorkenntnisse gehören). Gleichzeitig zeigt sich aber – m.E. wenig überraschend –, dass „eine plakative Einordnung in ‚konfessionell‘ bzw. ‚christlich‘ und ‚konfessionslos‘…“ (S.27) wenig aussagekräftig ist, weil damit die innere Suchbewegung der SuS nicht abgebildet werden kann.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es höchst problematisch sei, „aus dem kooperativen BRU eine Religionskunde oder einen Ethikunterricht zu machen“ (S.32), denn das Interesse der befragten SuS gehe eindeutig in die Richtung, eine Religion authentisch vertreten zu sehen – und dies ist nur in der konfessionellen Eigenart echt. Die SuS hoffen – und erwarten auch! – im Religionsunterricht durch die Lehrkraft mit Religion in orientierender und originaler Funktion in Berührung zu kommen (wobei das „Original“ dann die Lehrkraft selbst ist). Damit zeigt sich auch, dass die Erschließung interreligiöser Fragestellungen vor allem dann fruchtbar in der Bedeutung von Religion für die eigene Lebensgestaltung wird, wenn die begleitende Lehrkraft sich selbst positionieren kann, ohne dabei allerdings die eigene Positionierung als ‚einzigen Weg zum Heil´ zu verkaufen. Religionsunterricht im Zeichen der Pluralität sollte somit gerade nicht „Einheitsbrei …, sondern das dynamische Nebeneinander und Miteinander unterschiedlicher, identifizierbarer Überzeugungen, Traditionen und Standpunkte“ sein (S.32).


Signifikant sind in den Äußerungen der SuS aus NRW vor allem zwei Aspekte: 1.) Die Auszubilden- den sehnen sich nach einem ihre (persönliche wie berufliche) Lebenswelt ernstnehmenden „BRU mit Selbstbeteiligung“ und 2.) wollen sie in ihrer Religiosität wahrgenommen werden. Für viele der muslimischen SuS zeigt sich die wahre Religiosität vor allem in der Lebensführung, zu der z.B. Koran- bzw. Bibellesen dazu gehört – und deshalb fordern sie u.a.: „Ich bin Moslem und ich würd´ mich nicht
von einem Christen lehren lassen über meine Religion …“ (S.50). Während der Blick der Unterrichtenden meist dankbar auf die plural-religiöse Lerngruppen schaut, ist die Wahrnehmung der Konfessionslosen im BRU sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das kommt u.a. sicherlich auch daher, dass die Konfessionslosen sich oft von Ihrem Grundwissen her weniger von Konfessionsgebundenen unterscheiden als z.B. Muslime, die oft stolz auf ihre „echtere“ Religion sind (auch wenn diese Grundhaltung nicht mit höherem Grundwissen in Korrelation gebracht werden kann).

Als Fazit der Untersuchung steht die Erkenntnis, dass der BRU in der Pluralität herausfordert, „die im GG verankerte Konfessionalität zeitgemäß und vor allem schülergemäß als religionspädagogische Kategorie neuerlich zu bestimmen“ (S.57).

Neu sind diese Erkenntnisse vermutlich nicht für alle, aber sie sind nun wissenschaftlich belegbar – und das ist ein guter Schritt auf dem Weg dazu, den BRU als Unterrichtsfach zukunftsfähig zu machen und zu stärken.

2. BRU und Flüchtlinge

Die Zahl der für Asylbewerber und Flüchtlinge an den berufsbildenden Schulen eingerichteten Klassen steigt. Viele neue Aufgaben kommen auf Berufsschulen zu; die große Heterogenität hinsichtlich Vorbildung stellt eine immense Herausforderung dar. Die zentrale Aufgabe ist sicherlich dabei der Spracherwerb, damit Ausbildungsreife und Ausbildungsmöglichkeiten überhaupt geschaffen werden können.
Es fehlen jedoch zunehmend Lehrkräfte mit der Zusatzqualifikation „Deutsch als Fremdsprache“. Offenbar ist die Mehrzahl dieser neu dazukommenden Schülerinnen und Schüler hochmotiviert und wirkt sich positiv auf den Unterricht und das Erreichen der zentralen Ziele „Spracherwerb“ und „Ausbildungsreife“ aus.

Auf dem Niedersächsischen Bildungsserver nibis findet man hilfreiche Links zum Thema und es gibt unterschiedliche Informationssammlungen, u.a. zu folgenden Bildungsbereichen:

  • Betreuung von Flüchtlingskindern in Kitas
  • Unterrichtsmaterialien rund um die Themen Migration, Flucht und Asyl
  • Förderinitiativen, die den Flüchtlingen den Zugang zu Ausbildung und Studium erleichtern sollen
  • Einstieg in den Arbeitsmarkt und Sozialarbeit mit jungen, oft unbegleiteten Asylsuchenden
  • Suche nach Fort- und Weiterbildungen für Fachkräfte und Flüchtlinge in der Metasuchmaschine InfoWeb Weiterbildung.

Eine andere Frage wäre, inwiefern in der Betreuung dieser Klassen auch die stabilisierende Funktion von Religion eine Rolle spielt. Denn wie in allen anderen Klassen sitzen hier SchülerInnen unterschiedlicher Religionen neben religionslosen Jugendlichen. Nicht nur die Sozialisation und die kulturelle Prägung, der Bildungsgrad und die Bildungsaffinität der Jugendlichen unterscheiden sich. Deshalb wäre es so wichtig, hier auch Religionsunterricht zu ermöglichen. Ob und wie Religion auch in Flüchtlingsklassen unterrichtet werden soll, ist m.W. aber weiter offen. Hier weiter zu denken wäre eine Aufgabe für alle, ein Beispiel dafür findet sich im „BRU - Magazin für den Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen“ Heft 62/2014.

3. BRU und Inklusion

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie sich Inklusion in den berufsbildenden Schulen entwickeln wird. Die Herausforderung „Heterogenität“ ist nicht nur bezogen auf Flüchtlinge neu zu bedenken – sie war ja auch vorher längst da. Wie kann das gemeinsame Lernen der Verschiedenen noch besser gelingen?

In § 4 NSchG Inklusive Schule, Gesetz vom 23. März 2012, heißt es: „Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang und sind damit inklusive Schulen. Welche Schulform die Schülerinnen und Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten." Und § 59 Abs. 1 Satz 1 NSchG: „Die Erziehungsberechtigten haben im Rahmen der Regelungen des Bildungsweges die Wahl zwischen den Schulformen und Bildungsgängen, die zur Verfügung stehen."
Der dafür vorgesehene Zeitplan ist sportlich: § 4 ist spätestens ab Schuljahrgang 2018/19 auch für die berufsbildenden Schulen verpflichtend. Bis Ende 2015 erhalten alle rund 140 öffentlichen berufsbildenden Schulen in Niedersachsen die Möglichkeit, zunächst jeweils zwei Lehrkräfte entsprechend fortzubilden. Die teilnehmenden Lehrkräfte sollen dann unter anderem dazu befähigt werden, Fragen zu beantworten, die sich im Umfeld einer inklusiven Beschulung ergeben. Was ist zu tun, wenn sich z.B. ein junger Mensch mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf an einer BBS anmeldet, welche zusätzlichen Ressourcen stehen zur Verfügung oder wie werden Fördergutachten erstellt? Ab 2017 werden im Rahmen der „Qualitätsoffensive Inklusive BBS“ regionale Fortbildungen für Lehrkräfte im Unterrichtseinsatz angeboten.

Das gemeinsame Lernen von Schülern und Schülerinnen mit und ohne Behinderung ist in einzelnen berufsbildenden Schulen schon immer ein Thema gewesen. Doch diese haben hier ebenso einen noch langen Lernweg vor sich, wie andere Schulformen auch.

Bettina Wittmann-Stasch